Die Biophilie-Hypothese besagt, dass wir Menschen von anderen Lebensformen und von Ökosystemen angezogen werden und ein innewohnendes Interesse dafür haben. Man kann das Konzept der Biophilie auch als eine Verbundenheit mit der Natur, mit lebenden und nichtlebenden Wesen verstehen (Van den Born 2024). Es gibt zahlreiche Belege, dass sich natürliche Reize positiv auf den Gemütszustand, Stress und die Gesundheit auswirken können (Ross 2017).
Falls das bei anderen Tieren und damit auch bei Fischen auch zutrifft, wäre die Gestaltung von Gehegen und Aquarien mit Strukturen aus der natürlichen Umgebung dieser Arten ein wirksames Mittel zur Verbesserung des Tierwohls (Ross 2017). Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Fische angereicherte Aquarien bevorzugen (z.B. Kistler 2011, Sullivan 2015, DePasquale 2019; Gatto 2025), wobei teilweise auch künstliche Strukturen verwendet wurden. Oftmals können auch solche Strukturen gewisse Funktionen erfüllen, wie z.B. Deckung und Verstecke bieten. Doch wenn Fische die Wahl hätten, würden sie einen Unterschied machen zwischen künstlichen und echten bzw. natürlichen Strukturen?
Wahlversuch mit echten und künstlichen Pflanzen
Dieser Frage gingen die Autor:innen dieser Studie nach und führten einen Wahlversuch mit frisch geschlüpften Guppys (Poecilia reticulata) durch. Dabei liessen sie Jungfischen die Wahl zwischen Abteilen mit natürlichen bzw. mit künstlichen Pflanzen. Um die Vergleichbarkeit der Pflanzen zu gewährleisten, wurden die Pflanzen auf eine gleiche Grösse zurechtgeschnitten. Zwischen den beiden bepflanzten Abteilen befand sich ein leeres, neutrales Abteil, wo die Fische jeweils gefüttert wurden.
Der Versuchsaufbau: Das linke Abteil enthält echte Pflanzen (Egeria densa, Bacopa caroliniana und Hygrophila polysperma), das rechte Abteil künstliche Pflanzen. Es wurden mehrere Aquarien eingesetzt und die Anordnung zufällig variiert. In der Mitte gab es ein leeres, neutrales Abteil, wo die Fische jeweils gefüttetert wurden. Berechnet wurde, wieviel Zeit die Jungfische sich jeweils in den Abteilen aufhielten. © Varracchio et al. 2026
Eingewöhnungszeit wichtig
Die Jungfische konnten sich während 5 Tagen an die neue Umgebung gewöhnen, bevor die Datenaufnahme mit jeweils einem einzelnen Fisch startete. Die Dauer der Angewöhnungszeit basierte auf früheren Erkenntnissen, die gezeigt hatten, dass sich in dieser Zeit die Stressreaktionen verringern, die durch eine neue Umgebung ausgelöst werden (Varracchio 2025).
Während der Angewöhnungszeit zeigten die Jungfische keine Präferenz für eines der drei Abteile. In der anschliessenden Beobachtungsphase bevorzugten die Jungfische dann aber das Abteil mit den natürlichen Pflanzen (rund 57% der Beobachtungszeit), was darauf hindeutet, dass bereits 5 Tage alte Guppys natürliche Reize wahrnehmen können. Da die Jungen sofort nach dem Schlupf aus dem Geburtsaquarium herausgefischt wurden, hatten sie kaum Erfahrung mit Umgebungsreizen sammeln können. Daher wäre es möglich, dass die Guppys tatsächlich eine angeborene Präferenz für natürliche Umgebungsreize haben.
Das Resultat zeigt aber auch, dass eine Eingewöhnungsphase wichtig ist, wenn man Präferenzen ermitteln will. Denn auch künstliche Pflanzen bieten Schutz, den die Fische aufsuchen können, wenn sie in eine neue, ihnen unbekannte Umgebung kommen. Nachdem die Jungfische sich an die neue Umgebung gewöhnt hatten, begannen sie die Umgebung zu ausgiebiger erkunden, was schliesslich zur Präferenz für die natürlichen Pflanzen führte.
Die Autor:innen diskutieren Faktoren, die zu dieser Präferenz geführt haben könnten. Möglich wäre, dass die Fische Unterschiede zwischen den Pflanzenqualitäten aufgrund visueller oder chemischer Signale wahrgenommen haben. Denkbar wäre auch, dass sich die Wasserqualität zwischen den Abteilen unterschied und zwar aufgrund der Mikrobengemeinschaften, die im Abteil mit den natürlichen Pflanzen komplexer und diverser waren, oder aufgrund des in diesem Abteil höheren Sauerstoffgehalts.
Natürliche Strukturen fürs Tierwohl am besten
Die Resultate zeigen, dass eine Anreicherung von Aquarien mit natürlichen Strukturen den Bedürfnissen der Fische am besten Rechnung trägt. Allerdings können in Situationen, in denen die Verwendung von natürlichen Strukturen nicht möglich ist, wie zum Beispiel in der Laborhaltung, künstliche Strukturen eine valable Alternative sein, um damit die Aquarien anzureichern und das Wohlbefinden der Fische zu erhöhen.