Aquarium - Unterwasserwelt

Fische reiben sich schmerzende Lippen

Behandelt man die Lippen von Regenbogenforellen mit Essigsäure, reagieren die so behandelten Forellen mit Verhaltensweisen, die vom normalen Verhalten abweichen. Sie reiben die behandelte Stelle am Boden und wiegen ihren Körper stereotyp hin und her (Sneddon, 2003).

In der Studie von Sneddon (2002) (Spezielle Nervenzellen für Schmerzreize) wurde mit Hilfe von neuroanatomischen und elektrophysiologischen Techniken gezeigt, dass Regenbogenforellen (Oncorhynchus mykiss) über Nozizeptoren (Rezeptoren, die Schmerzreize registrieren) verfügen. Diese Rezeptoren wurden bei der Regenbogenforelle am Kopf, um die Lippen und an den Kiemen lokalisiert. Vom Aufbau her glichen sie denjenigen von Säugetieren.

In einem weiteren Schritt wurde nun untersucht, ob ein schädlicher Reiz negative Auswirkungen auf das Verhalten und die Kiemenschlagrate von Regenbogenforellen hat. Zusätzlich wurde einer Gruppe das Schmerzmittel Morphium verabreicht und beobachtet, wie sich das Schmerzmittel auf das Verhalten und die physiologischen Reaktionen auswirkt.

Die Autoren gingen wie folgt vor: Einer Gruppe von Forellen wurde Salzlösung und einer zweiten Gruppe Essigsäure in die Lippen gespritzt, einer dritten Gruppe wurde Essigsäure in die Lippen und Morphium in die Muskeln gespritzt. Eine Kontrollgruppe wurde lediglich behändigt, erhielt aber keine Injektion, eine weitere Kontrollgruppe wurde zusätzlich mit Morphium behandelt. Für die Behandlungen wurden die Fische betäubt. Vor und nach den Behandlungen wurden Daten zur Kiemenschlagrate und zur Schwimmaktivität aufgenommen sowie registriert wie häufig die Forellen den geschützten Teil des Aquariums aufsuchten. Zudem wurde nach der Behandlung gemessen, wie lange es dauerte, bis die Fische wieder begannen, Futter aufzunehmen.

Keine der Gruppen unterschied sich in der Schwimmaktivität vor und nach der Behandlung, auch zwischen den Gruppen gab es keine Unterschiede. Dasselbe galt für das Aufsuchen des geschützten Bereichs.

Alle Gruppen zeigten zwar eine erhöhte Kiemenschlagrate nach der Behandlung. Aber nur bei der Gruppe, die mit der Essigsäure behandelt wurde, war diese nach der Behandlung deutlich (signifikant) erhöht. Dies lässt sich mit der veränderten Atmungsfrequenz bei Säugetieren vergleichen, wenn sie einem schmerzhaften Reiz ausgesetzt sind.

Die Fische der Essigsäure-Gruppe brauchten auch länger, bis sie wieder zu fressen begannen, nämlich rund 180 Minuten, während die anderen Gruppen schon nach rund 80 Minuten wieder Futter aufnahmen. Es wird allgemein bei Tieren häufig beobachtet, dass sie verletzte Körperstellen schonen.

Interessant war, dass vorher noch nie beobachtete, abnormale Verhalten auftauchten und zwar bei der mit Essigsäure behandelten Gruppe sowie der mit Essigsäure und Morphium behandelten Gruppe: beide zeigten ein sich Hin- und Her-Wiegen des Körpers, wobei sie auf der Stelle blieben. Die Autoren bringen dieses Verhalten mit stereotypem Verhalten in Verbindung, dass man unter schlechten oder ungenügenden Haltungsbedingungen beobachten kann. Beide Gruppen rieben zudem ihre Lippen am Kies (Bodensubstrat) und an den Wänden des Aquariums, wobei die zusätzlich mit Morphium behandelte Gruppe dies in geringerem Ausmass tat. Das Reiben einer schmerzhaften Körperstelle wurde auch bei Säugern beobachtet. Diese abnormalen Verhalten könnten demnach Verhaltensweisen sein, mit denen die Fische versuchen, mit dem Schmerz irgendwie umzugehen und somit als Indikatoren für Schmerz dienen.

Die Behandlungen zeigten also Auswirkungen sowohl auf der physiologischen Ebene (steigende Kiemenfrequenz und verminderter Appetit) als auch auf der Verhaltensebene (Hin-und-Her-Wiegen des ganzen Tiers, Reiben der Lippen am Boden). Das Morphium wirkte auch bei den Forellen als Schmerzmittel, in dem es die Stärke der Reaktionen reduzierte. Die Reaktionen der Forellen waren sehr komplex und dies deutet darauf hin, dass höhere Prozesse der Schmerzverarbeitung involviert sind und dass Fische Schmerz empfinden können.

Literatur

Sneddon, L. U., Braithwaite, V. A., & Gentle, M. J. (2003). Do fishes have nociceptors? Evidence for the evolution of a vertebrate sensory system. Proceedings Of The Royal Society Of London, Series B: Biological Sciences, 270, 1115-1121.
Sneddon, L. U. (2003). The evidence for pain in fish: the use of morphine as an analgesic. Applied Animal Behaviour Science, 83, 153-162.