Aquarium - Unterwasserwelt

In vorteilhafter Gesellschaft

Viele Fische leben in Gruppen. Mitunter schliessen sich verschiedenene Arten zu gemischtartlichen Gruppen zusammen, weil sie den Fischen mehr Vorteile bieten können, als wenn sie unter sich bleiben. Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, hat man bei Zebrafischen untersucht (Mukherjee & Bhat 2023).

Kommentar Fischwissen

Studien mit wilden Fischen sind sehr wertvoll. Üblicherweise werden Studien mit Fischen gemacht, die entweder im Labor gezüchtet sind oder aus dem Handel stammen. Der Zebrafisch ist die Art, die am häufigsten im Tierversuch eingesetzt wird. Die Fische werden standardmässig in sehr kleinen, unstrukturierten Tanks gehalten. Wie schon andere hier besprochene Studien zeigt auch diese Studie, wie komplex das Verhalten der Zebrafische ist und dass die Standard-Laborhaltung ihnen in keiner Weise gerecht wird.

 

Wild lebende Zebrafische (Danio rerio) kommen in Indien, Bangladesch und Nepal vor. Hier leben sie in Bächen, Teichen oder Bewässerungsgräben. Abhängig von der Art des Gewässers und des Feinddrucks formen sie Gruppen, die aus wenigen Individuen bestehen, bilden grosse Gruppen von bis zu 300 Individuen (Pritchard et al., 2001; Suriyampola et al., 2016).

Häufig schwimmen Zebrafische in ihren Heimgewässern mit Flugbarben (Esomus danricus), Gemeinen Hechtlingen (Aplocheilus panchax), Schlankbärblingen (Rasbora daniconius) und verschiedenen Puntius-Arten zusammen (Miller und Gerlai, 2011; Spence et al., 2008; Suriyampola et al., 2016). Allerding können die Gruppeneigenschaften aufgrund ökologischer Faktoren wie Wasserströmung, Vegetation und Raubdruck variieren (Suriyampola et al., 2016).

Warum sich Zebrafische mit anderen Arten mischen

Die Autorinnen wollten nun in dieser Studie untersuchen, ob die folgenden vier ökologische Faktoren – die Futtersuche, Feindabwehr, Anzahl Artgenossen und die Vertrautheit –, einen Einfluss auf die Bildung von gemischten Gruppen haben. Dazu fingen sie in Wassergräben wilde Zebrafische, Flugbarben und Hechtlinge ein, die hier gemeinsam vorkommen, sowie Schlangenkopffische, die Fressfeinde dieser Arten sind.

Es zeigte sich, dass die Faktoren Futtersuche, Feindabwehr und Vertrautheit eine Rolle dabei spielen, dass sich Zebrafische mit anderen Arten mischen. Wie wichtig die einzelnen Faktoren für die Entscheidung sind, können die Autorinnen mit dieser Studie zwar nicht beantworten. Dennoch gibt sie einen Eindruck, wie komplex das Zusammenleben der Fische ist.

Keine Futterkonkurrenz durch andere Arten

Bekannt ist, dass Zebrafische in Gruppen bei der Futtersuche besser abschneiden. Die Arten, mit denen sich Zebrafische mischen, sind für gewöhnlich nicht aggressiv untereinander, insbesondere wenn genug Futter vorhanden ist. Daher könnten auch gemischtartliche Gruppen einen positiven Effekt auf die Futtersuche haben.

Im Test zeigte sich, dass die Zebrafische in Gegenwart anderer Arten gleich viel Futter (gefriergetrocknete Würmer) aufnahmen wie diese und wie in den reinen Zebrafischgruppen. Es scheint also, dass die zwischenartliche Konkurrenz um Futter vergleichbar ist mit derjenigen innerhalb einer reinen Zebrafischgruppe und sich die Zebrafische daher für die Futtersuche ohne Nachteil mit anderen Arten zusammenschliessen können.

In der Gruppe untertauchen

Fressfeinde können ein weiterer Grund für den Zusammenschluss in Gruppen sein. Denn je mehr Augen, desto eher wird ein Fressfeind entdeckt. Sind die anderen Arten in gemischtartlichen Gruppen zudem grösser und weniger agil, steigt die Chance nochmals, zu entwischen, insbesondere wenn wenig Artgenossen vorhanden sind. In den Heimgewässern von Zebrafischen machen beispielsweise Schlangenkopffische (Channa spp.) Jagd auf die hier untersuchten Arten.

Im Test bevorzugten die Zebrafische tatsächlich die gemischtartlichen Gruppen, wenn ein Schlangenkopffische in einem abgetrennten Bereich im Aquarium präsent war. Zudem attackierten die Schlangenkopffische die Flugbarbengruppen eher als die Zebrafischgruppen. Prädatoren machen häufig Jagd auf grössere Beutetiere. Die Flugbarben und Hechtlinge sind grösser als Zebrafische, die somit als die kleinere Art davon profitieren, die nicht erste Wahl zu sein.

Die Diversität macht den Unterschied

Zebrafisch haben eine Vorliebe für grössere Zebrafischgruppen (Seguin & Gerlai 2017), was sich in dieser Studie nicht bestätigen liess. Die Anzahl Artgenossen war hier also nicht entscheidend. Hingegen spielte die Zusammensetzung der Gruppen eine Rolle. Trafen sie auf Gruppen aus nur Flugbarben, bevorzugten sie jeweils die Zebrafischgruppe, trafen sie auf gemischte Gruppen aus Flugbarben und Hechtlingen, unterschieden sie nicht mehr. Die Autorinnen vermuten, dass es in gemischten Gruppen für die Zebrafische schwieriger wird zu erkennen, wer Artgenosse ist und wer einer anderen Art angehört, im Heimgewässer insbesondere dann, wenn sie in fliessenden Gewässern leben und trübe Sichtbedingungen herrschen.

Vertrautheit

Bekannt ist zudem, dass Fische stabile Gemeinschaften mit Artgenossen bilden, die ihnen vertraut sind. Sie mischen sich auch bevorzugt mit Individuen anderer Arten, die ihnen vertraut sind (Ward & Hart 2003).  Allerdings scheint bei Zebrafischen Vertrautheit* kein zentraler Faktor zu sein beim Entscheid, sich gemischten Gruppen anzuschliessen. Zwar bevorzugten die Zebrafische die vertrauten gegenüber den unvertrauten Artgenossen bzw. den unvertrauten gemischten Gruppen. Zwischen vertrauten gemischten Gruppen und vertrauten Artgenossen machten jedoch ebensowenig einen Unterschied wie zwischen unvertrauten Artgenossen und unvertrauten gemischten Gruppen.

Dynamische Umwelt beeinflusst Verhalten

Die Resultate dieser Studie zeigen, dass verschiedene ökologische Faktoren einen Einfluss darauf haben, warum wilde Zebrafische gemeinsam mit anderen Fischarten schwimmen. Vorteile bei der Feindabwehr, weniger Konkurrenz durch Artgenossen bei der Futtersuche oder ein vertrautes soziales Umfeld können dieses Verhalten beeinflussen. Da natürliche Habitate sehr dynamisch sind und wechselnde Bedingungen aufweisen, wird sich der Einfluss dieser und zusätzlicher ökologischer Faktoren je nach Situation verändern.

 

*Für dieses Experiment wurden Fische aus einer anderen Population gefangen. Deren Vorkommen war so weit weg von der ersten Population, dass sie kaum je miteinander Kontakt hatten. Daher galten sie als unvertraute Individuen. Fische, die im Labor 30 Tage lang gemeinsam gehalten wurden, galten als miteinander vertraut.
 

Literatur

Mukherjee, I., & Bhat, A. (2023). What drives mixed-species shoaling among wild zebrafish? The roles of predators, food access, abundance of conspecifics and familiarity. Biol Open, 12. (abstract)
Seguin, D., & Gerlai, R. (2017). Zebrafish prefer larger to smaller shoals: analysis of quantity estimation in a genetically tractable model organism. Animal Cognition, 20, 813-821. (abstract)
Suriyampola, P. S., Shelton, D. S., Shukla, R., Roy, T., Bhat, A., & Martins, E. P. (2016). Zebrafish Social Behavior in the Wild. Zebrafish, 13, 1-8. (abstract)
. Y. Miller, N., & Gerlai, R. (2011). Shoaling in zebrafish: what we don't know. Rev Neurosci, 22, 17-25. (abstract)
Spence, R., Gerlach, G., Lawrence, C., & Smith, C. (2008). The behaviour and ecology of the zebrafish, Danio rerio. Biological Reviews, 83, 13-34.
Ward, A. J. W., & Hart, P. J. B. (2003). The effects of kin and familiarity on interactions between fish. Fish And Fisheries, 4, 348-358. (abstract)
Pritchard, V. L., Lawrence, J., Butlin, R. K., & Krause, J. (2001). Shoal choice in zebrafish, Danio rerio: the influence of shoal size and activity. Animal Behaviour, 62, 1085-1088. (abstract)